Interview mit Leidmedien.de: „Habt Mut zu neuen Perspektiven und Geschichten!“

Geschrieben von Insa Künkel am . Veröffentlicht in Text

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Leidmedien.de ist eine Internetseite zum Thema Berichterstattung über Menschen mit Behinderung.

Auf Leidmedien.de erfahren Journalisten, wie sie respektvoll über Menschen mit Behinderung berichten. Das Team zeigt Positivbeispiele und gibt Tipps, die mit einem Augenzwinkern daherkommen. Mehr über die optimistische Herangehensweise, mit welcher Kameraeinstellung Diskriminierung anfängt und was die Macher der Website von ZDF-Serien wie Dr. Klein halten, erfahren Sie in diesem Interview mit der Projektleiterin Lilian Masuhr. 

Wie reagieren Journalisten auf Ihr Angebot?

„Die meisten empfinden unser Angebot als sehr hilfreich. Viele wollen über Menschen mit Behinderung berichten, haben aber noch Unsicherheiten, wie sie es richtig machen können.“

 Wie arbeitet Ihr Team?

„Als wir 2012 – pünktlich zum Start der Paralympics in London – online gegangen sind, haben wir uns angesehen, wie Print-, TV- oder Hörfunk-Journalisten über behinderte Menschen berichten. Das haben wir auf die Website gestellt und Tipps gegeben, wie es besser geht. Ein Beispiel: Oft liest man, dass jemand ‚an den Rollstuhl gefesselt ist’. Unsere Alternative: Jemand ‚nutzt’ einen Rollstuhl, ‚sitzt’ in ihm oder ist einfach mit ihm ‚unterwegs’. Schon ist der Mensch aktiv und nicht mehr hilflos. Mittlerweile gehen wir einen Schritt zurück und geben Tipps, bevor ein Medienprodukt entsteht. In Workshops erfahren Journalisten, wie sie auf Augenhöhe über Menschen mit Behinderung berichten können.“

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Gefesselt ist niemand. Schreiben Sie: Jemand nutzt einen Rollstuhl oder ist in einem unterwegs. (Foto: Andi Weiland, Leidmedien.de)

Was ist Ihnen bei Ihrer Arbeit wichtig?

„Wir gehen mit Optimismus an die Sache ran und wollen so auf das Thema Lust machen. Es gibt immer mehr interessanteReportagen, TV- oder Hörfunkbeiträge. Diese Positivbeispiele veröffentlichen wir auf der Website Leidmedien.de sowie über unsere Social-Media-Kanäle wie Facebook und Twitter. Unser Ziel ist es, dass Menschen das Thema im Mainstream entdecken. Gerne in politischen oder kulturellen Beiträgen.“

 Mit welcher Kameraeinstellung beginnt die Diskriminierung behinderter Menschen?

„Gerade in TV-Beiträgen liegt der Fokus meist auf der Behinderung. Nicht darauf, was den sehbehinderten oder gehörlosen Menschen oder Autisten als Persönlichkeit ausmacht. Vor allem Kameraeinstellungen können diesen Eindruck verstärken. Ein Beispiel: Wir haben mal einen Bericht über eine Gruppe von kleinwüchsigen Menschen gesehen. Diese wurde aus der Vogelperspektive gefilmt. Eine Einstellung, bei der jeder Mensch kleiner wirkt. Hinzu kam, dass der Beitrag mit einer Musik unterlegt war, die an Schneewittchen erinnerte. Das ist nicht respektvoll.“

Und was machen Journalisten in Texten falsch?

„Ich lese oft das kleine Wort ‚trotz’. Jemand hat zum Beispiel ‚trotz seiner Behinderung einen Job bekommen’. Dieses Wort suggeriert, dass die Behinderung die Betroffenen davon abhält, aktiv und unabhängig zu sein. Schreiben Sie besser, dass behinderte Menschen Dinge ‚mit’ ihrer Behinderung tun. Was uns auch stört ist, wenn Erwachsene wie Kinder dargestellt werden. Gerade in Artikeln oder Stücken über Menschen mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) hört man oft Sätze wie ‚Der 33-jährige Peter geht jetzt einkaufen’. Einen Nachnamen hat der Protagonist nicht mehr.“

Hat sich die Berichterstattung geändert?

„Ja. Das Thema ist jetzt sehr stark in den Medien vertreten. Grund hierfür ist die UN-Behindertenrechtskonvention. Sie fordert Inklusion, also die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. Die Auswirkungen der Konvention machen sich auch bei uns bemerkbar: Immer mehr Redaktionen fragen an, ob wir Protagonisten mit Behinderung für Artikel oder Beiträge kennen.“

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Die Menschen hinter Leidmedien.de: Rebecca Maskos, Lilian Masuhr, Andi Weiland und Raúl Krauthausen (v.l.n.r., Foto: Andi Weiland, Leidmedien.de).

Gilt das auch fürs Fernsehen?

„Es gibt immer öfter Formate, die sich was trauen. Gut gefällt mir die ZDF-Serie ‚Dr. Klein’. In dieser spielt die 1,32m-große Schauspielerin ChrisTine Urspruch die leitende Oberärztin Dr. Klein.“

 Aber wie ist es mit dem Titel der Serie ‚Dr. Klein?’

„Den Namen lasse ich jetzt mal so stehen. Vielmehr zählt für mich, dass ChrisTine Urspruch eine Hauptrolle bekommen hat. Sie wird als sehr selbstbewusste, vielschichtige Frau dargestellt, die auch ihre Schwächen zeigt. Anscheinend sind wir noch nicht soweit, wie zum Beispiel in den USA. In der Serie ‚Dr. House’ gibt es halt einen Arzt, der humpelt. Der heißt aber nicht ‚Dr. Limping’. In Deutschland muss man die Beeinträchtigung noch nennen. Trotzdem sind wir auf dem richtigen Weg.“

 Ihr Wunsch an die Kollegen?

Entwickelt Lust auf das Thema. Bringt es in den Mainstream. Und: Nutzt die Perspektive eurer Protagonisten mit Behinderung. Zeigt, wie sie leben, arbeiten. Habt Mut zu neuen Perspektiven und Geschichten.“

An Lilian Masuhr: Danke für den interessanten Einblick in Ihre Arbeit.

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Insa Künkel

ist bundesweit als Business-Trainerin (dvct) und Redakteurin tätig. Zu ihren Kunden zählen nationale und internationale Unternehmen, Agenturen, Verlage sowie Behörden, Verbände und Weiterbildungsträger. Eine Auswahl ihrer Workshops: "Einfach schreiben - Texten mit Erfolg", "Jetzt aber Twitter - wie Sie professionell kommunizieren", "Pressemitteilungen schreiben".

Kommentare (3)

  • Lara

    |

    Gut, dass du meinen Änderungsvorschlag beherzigst hast.
    Super Info.
    Wenn ich mal einen Artikel schreibe , komme ich nochmal drauf zurück.
    Danke für alles.
    Gruß aus Norddeutschland.

    Antworten

  • Lara

    |

    Gut, dass du meinen Änderungsvorschlag beherzigst hast.
    Super Info.
    Wenn ich mal einen Artikel schreibe , komme ich nochmal drauf zurück.
    Danke für alles.
    Gruß aus Norddeutschland.

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    • Insa Künkel

      |

      Danke noch mal für dein Feedback. Und weiterhin viel Freude mit meinem Blog.

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